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Verzeihen ist kein Geschenk an andere. Es ist ein egoistischer (ich liebe mich) Akt.

Aktualisiert: 2. Jan.

Es ist bald Ende Jahr. Und irgendwie spürt man es: Das Bedürfnis, Sachen abzuschliessen. Loszulassen. Platz zu machen. Für Ruhe. Für Freude. Für das Neue. Und ja: Auch fürs Verzeihen. Aber ich möchte etwas ganz klar sagen, weil es oft falsch verstanden wird: Verzeihen ist nicht automatisch etwas „Edles“, das man für andere macht. Verzeihen ist nicht dazu da, damit sich eine andere Person besser fühlt. Es ist nicht da, um jemanden reinzuwaschen, etwas schönzureden oder so zu tun, als wäre nichts passiert.

Verzeihen darf ein egoistischer Akt sein. Vielleicht ist es sogar der egoistischste Akt, den du dir erlauben kannst, im besten Sinn. Denn wenn ich verzeihe, dann geht es in erster Linie darum, dass ich wieder frei werde. Dass ich nicht mehr jeden Tag innerlich an einer Szene festhalte. Dass ich nicht mehr Beweise sammle, warum etwas unfair war. Dass ich nicht mehr in Gesprächen in meinem Kopf stecken bleibe, die nie zu einem Ende kommen. Dass ich die Last nicht mehr mit mir herumtrage. Nicht weil die andere Person es verdient hätte, sondern weil ich es verdiene, leichter zu werden.

Verzeihen bedeutet: Ich entscheide mich, nicht weiter an diesem Schmerz festzukleben. Nicht, weil es klein war. Sondern weil ich grösser werden will als das, was mich festhält. Und gleichzeitig: Verzeihen ist nichts, was man „einfach mal schnell“ macht. Es ist kein „Komm, Schwamm drüber“. Kein spirituelles Bypassing. Kein „Ich muss halt der bessere Mensch sein“. Verzeihen braucht Reflexion. Es braucht Ehrlichkeit. Es braucht Grenzen. Manchmal heisst Verzeihen nicht, dass ich wieder Nähe zulasse. Nicht, dass ich wieder Kontakt will. Nicht, dass ich wieder vertraue. Es kann schlicht heissen: Ich lasse es in mir ruhiger werden. Und ich entscheide, was mein nächster Schritt ist.

Und dann gibt es noch einen zweiten Teil, der fast der schwierigste ist: mir selber verzeihen. Mir verzeihen, dass ich Sachen nicht sauber erledigt habe. Dass ich Verantwortung nicht übernommen habe, obwohl sie bei mir lag. Dass ich mich falsch ausgedrückt habe oder gar nicht. Dass ich liegen gelassen habe, was wichtig gewesen wäre. Dass ich überfordert war und es an falschen Orten rausgelassen habe. Dass ich manchmal nicht den richtigen Umgang mit Menschen gefunden habe. Dass ich nicht so mutig war, wie ich es gerne gewesen wäre. Aber auch hier gilt: Das ist nicht „Selfcare-Glitzer“. Das ist Arbeit. Das ist Hinsehen. Das ist: Was war mein Anteil? Was will ich daraus lernen? Was mache ich nächstes Mal anders? Und dann — irgendwann — darf das Urteil in mir leiser werden. Denn Selbstvergebung bedeutet nicht: „War mir eh egal.“ Selbstvergebung bedeutet: „Ich übernehme Verantwortung und ich lasse mich trotzdem weiterleben.“ Und wenn du jetzt Ende Jahr merkst, dass da etwas in dir hängt: ein Groll, eine Scham, eine Enttäuschung, eine Geschichte, die dich immer wieder zieht, dann darfst du dir das erlauben: Sei egoistisch. Nicht rücksichtslos. Nicht hart. Sondern klar. Egoistisch im Sinne von: Ich entscheide mich für meinen inneren Frieden. Ich entscheide mich für mehr Leichtigkeit. Ich entscheide mich dafür, dass mein nächstes Kapitel nicht vom alten Ballast diktiert wird. Vielleicht ist das die ehrlichste Art, „neu“ zu starten: Nicht indem alles perfekt ist, sondern indem du sagst: Ich lasse los. Für mich.



 
 
 

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