Gefühle und Emotionen – keine Ausrede, sondern Verantwortung.
- michaelgemmerli
- 24. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Gefühle und Emotionen haben in den letzten Jahren einen neuen Stellenwert bekommen. Wir reden mehr darüber. Wir nehmen sie ernster. Wir erlauben uns, zu fühlen.
Irgendwo auf diesem Weg ist etwas passiert, das selten ausgesprochen wird: Gefühle werden immer öfter als Ausrede benutzt.
Nicht bewusst. Nicht böswillig. Sondern subtil, bequem und unreflektiert. „Ich konnte nicht anders, die Emotion ist halt mit mir durchgegangen.“ „So bin ich eben, wenn ich getriggert werde.“ „Ich war so verletzt, da hatte ich keine Kontrolle.“ Fast so, als wären Gefühle ein Freipass. Ein Joker, der Verantwortung aufhebt.
Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Gefühle sind real. Sie sind wichtig. Sie wollen gesehen werden. Aber sie sind keine Handlungsanweisung. Ein Gefühl erklärt, was in mir passiert und nicht, wie ich mich verhalten muss.
Zwischen Emotion und Handlung liegt immer ein Raum. Dieser Raum ist deine Verantwortung.
Ich kenne diesen Raum sehr gut und ich weiss, wie leicht man ihn verliert.
Ich hatte in meinen jüngeren Jahren stark mit Verlustängsten zu kämpfen. Vor allem in Beziehungen. Aus diesen Ängsten entstand Eifersucht und aus der Eifersucht entstanden Bilder, Szenarien, Geschichten in meinem Kopf, die sich immer weiter hochgeschaukelt haben. Je mehr ich mich hineinsteigerte, desto realer fühlte sich alles an.
Leider wurden irgendwann die Emotionen so stark, dass sie wie meine Wahrheit wirkten.
Doch das Problem war nicht das Gefühl, das Problem war, was ich daraus gemacht habe.
Statt innezuhalten, habe ich die innere Spannung nach aussen getragen. Nicht selten auf die Person, die mir am wichtigsten war. Nicht aus Bosheit, sondern aus Angst.
Emotionen können so mächtig sein, dass sie uns glauben lassen, wir hätten keine Wahl. Aber genau das ist die Illusion. Wir haben immer eine Wahl.
Wir verwechseln oft Intensität mit Wahrheit. Die Stärke eines Gefühls ist kein Beweis dafür, dass es recht hat. Der Umstand, dass etwas weh tut, legitimiert nicht alles, was daraus folgt. Eine einfache, ehrliche Gebrauchsanweisung könnte so aussehen:
-Gefühl wahrnehmen.
-Nicht bewerten.
-Nicht rechtfertigen.
-Nicht sofort handeln.
Mich fragen: Was sagt mir dieses Gefühl über mich? Welche Grenze wurde berührt? Welche alte Geschichte meldet sich gerade? Danach bewusst entscheiden, wie ich damit umgehen will.
Emotionen dürfen da sein. Aber sie entbinden mich nicht davon, verantwortlich zu handeln. Nicht gegenüber anderen und nicht gegenüber mir selbst. Radikale Ehrlichkeit bedeutet auch hier: Ich stehe zu meinen Gefühlen und zu meinem Verhalten. Nicht: „Ich habe dich verletzt, aber ich war halt emotional.“ Sondern: „Ich war emotional und ich übernehme Verantwortung dafür, wie ich damit umgegangen bin und zukünftig damit umgehen werde.“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Gefühle sind kein Beweis für Schuld oder Unschuld. Sie sind Signale, Hinweise und meistens eine Einladung zur Selbstreflexion und immer eine Einladung sich mit Schattenarbeit zu beschäftigen.
Wer Gefühle benutzt, um sich nicht regulieren zu müssen, gibt seine Selbstführung ab.
Wer Gefühle ernst nimmt, lernt, mit ihnen zu leben, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.
Peace & Love
Michael




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