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Beurteilen. Urteilen. Verurteilen….und warum das neue Jahr Fragen braucht.

Wir sind nicht kalt. Wir sind nicht herzlos. Wir sind trainiert. Trainiert zu vergleichen. Zu bewerten. Einzuordnen. Abzugleichen. Schon früh lernen wir, uns selbst und andere über Massstäbe zu definieren, die selten unsere eigenen sind. Und jedes Mal, wenn wir vergleichen, setzt etwas fast Automatisches ein. Ein innerer Mechanismus, der kaum bemerkt wird. Wir greifen auf Bekanntes zurück. Auf Erlebtes. Auf Vergangenes. Denn ohne Vergangenheit geht es nicht. Beurteilen, urteilen, verurteilen funktioniert nur im Autopilot. Es braucht gespeicherte Erfahrungen, alte Geschichten, frühere Verletzungen. Vergleich ist immer ein Rückgriff. Nie ein frischer Blick.

Beurteilen ist dabei oft leise. Ein inneres Abtasten, ein Versuch von Orientierung. Urteilen geht weiter, es macht aus Eindrücken Wahrheiten. Verurteilen ist der Moment, in dem wir glauben, genug zu wissen, um abzuschliessen. Doch während wir urteilen, sind wir nicht präsent. Wir reagieren, statt zu begegnen. Wir sehen nicht, was ist, sondern das, was wir schon kennen. Besonders schmerzhaft wird dieser Autopilot dort, wo Nähe sein sollte. In Familien. In Beziehungen. In Partnerschaften.

Mich macht es traurig, wie schnell dort geurteilt und verurteilt wird, ohne nachzufragen. Wie schnell wir Motive unterstellen, wie schnell wir Menschen auf alte Rollen festlegen. Auch soziale Medien verstärken diesen Mechanismus. Wir sehen Ausschnitte und machen daraus Wahrheiten. Vergleichen Leben, Körper, Entscheidungen und verurteilen oft, ohne es zu merken. Doch jedes Urteil über andere ist fast immer auch ein Urteil über uns selbst. Weil wir messen. Weil wir uns einordnen. Weil wir glauben, irgendwo bestehen zu müssen.

Ein neues Jahr beginnt. Und vielleicht braucht es diesmal keinen neuen Plan, kein besseres Ich, kein höheres Ziel. Vielleicht braucht es Unterbrechung. Fragen holen uns aus dem Autopilot. Sie holen uns ins Jetzt. Denn Fragen brauchen Präsenz und keine Vergangenheit. Was wäre, wenn wir im neuen Jahr öfter fragen würden, statt sofort zu wissen?

In Familien. In Beziehungen. In Liebesbeziehungen. In Partnerschaften. „Wie meinst du das?“ „Was brauchst du gerade?“ „Was hat dich dahin gebracht?“ Fragen öffnen. Urteile schliessen.

Vielleicht beginnt dieses Jahr genau hier: Mit weniger Autopilot. Mit mehr Bewusstsein. Mit mehr Menschlichkeit. Nicht perfekt. Aber wach.

In diesem Sinne ein frohes, neues und waches Jahr.

In Liebe Michael



 
 
 

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