Multitasking: Der grösste Mythos unserer Leistungsgesellschaft
- michaelgemmerli
- 28. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Multitasking war einmal ein Modewort. Als ich in der Schule war, galt es als Auszeichnung. Wer multitaskingfähig war, war „cool“, leistungsfähig, effizient. Besonders Frauen wurde nachgesagt, sie hätten darin einen natürlichen Vorteil. Multitasking war kein Werkzeug, es war ein Statussymbol.
Heute ist Multitasking Alltag: Fernsehen schauen, dabei auf dem Handy scrollen, soziale Netzwerke durchstöbern, nebenbei essen, nebenbei antworten, nebenbei denken. Und genau hier liegt das Problem.
Multitasking ist nicht nur ineffektiv. Es ist eine der dümmsten Ideen, die wir normalisiert haben.
Das Gehirn kann kein Multitasking
Was wir landläufig Multitasking nennen, ist in Wahrheit Task Switching. Das Gehirn erledigt nicht mehrere Dinge gleichzeitig, es springt extrem schnell zwischen Aufgaben hin und her. Dieser ständige Wechsel passiert im präfrontalen Cortex, also genau dort, wo Aufmerksamkeit, Planung und Entscheidungsfindung stattfinden.
Das Problem dabei:
• Jeder Wechsel kostet Energie
• Jeder Wechsel reduziert die Qualität der Aufmerksamkeit
• Jeder Wechsel erhöht Stress und Fehleranfälligkeit
Multitasking fühlt sich produktiv an, ist aber neurologisch gesehen reine Selbstsabotage.
Multitasking zerstört den Flow-Zustand
Der sogenannte Flow-Zustand – geprägt durch den Psychologen Mihály Csíkszentmihályi – beschreibt einen Zustand tiefer Konzentration, in dem wir vollkommen in einer Tätigkeit aufgehen. Zeitgefühl verschwindet, Leistung steigt, Lernen wird nachhaltig.
Flow entsteht nur unter bestimmten Bedingungen:
• klare Aufgabe
• volle Aufmerksamkeit
• keine Ablenkung
• eine Sache zur gleichen Zeit
Multitasking ist das exakte Gegenteil davon. Wer ständig abgelenkt ist, kommt nie tief genug, um Flow überhaupt zu erreichen. Das Gehirn bleibt an der Oberfläche – beschäftigt, aber leer.
Wenn du Flow willst, ist Multitasking das Schlechteste, was du tun kannst.
Warum wir trotzdem daran festhalten
Multitasking wird oft gefördert, weil es schnell aussieht. Weil es nach Effizienz klingt. Weil es gut in Lebensläufe passt. Doch Geschwindigkeit ist nicht gleich Qualität.
Dazu kommt ein neurochemischer Effekt: Jede neue Information, jede Benachrichtigung, jeder Scroll erzeugt einen kleinen Dopamin-Kick. Unser Gehirn lernt: Ablenkung fühlt sich gut an. Fokus fühlt sich anstrengend an.
Das Resultat? Wir verlernen tiefe Aufmerksamkeit.
Fokus ist keine Schwäche – Fokus ist Kompetenz
Vielleicht müssen wir wieder lernen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte:
• Wenn du einen Film schaust, schaust du einen Film.
• Wenn du ein Buch liest, liest du ein Buch.
• Wenn du isst, isst du.
Das ist kein Luxus. Das ist Achtsamkeit.
Achtsamkeit bedeutet nicht Räucherstäbchen und Meditation. Achtsamkeit bedeutet, bei einer Sache zu sein im Hier und Jetzt. Genau das ist die Grundlage für gutes Denken, gutes Arbeiten und ein gutes Leben.
Weg vom Multitasking. Punkt.
Multitasking war ein Trend. Einer, den wir hinter uns lassen sollten. Nicht weil wir weniger leisten wollen, sondern weil wir besser leisten wollen.




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